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25.03.2017:
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Haiku
Prosa

Prosa des Großstadtpoeten

Stadtluft macht frei
(von Silvia Friedrich, Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

Bertas Zug fährt in den Bahnhof ein. Sie schnallt sich den Rucksack fester und steigt aus.
"Hier will ich leben," denkt sie, als sie durch das Menschengewimmel auf die Straße drängt. Großstadtluft schlägt ihr entgegen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite blinkt eine Neonreklame: MITDEMBÄRZUMMILLIONÄR.
Berta liest es zweimal. Es dämmert bereits. Sie geht los, steigt die Stufen zur U-Bahn hinab, lächelt dem russischen Akkordeonspieler zu und wartet am Gleis. Selbst hier unten ist es heiß. Die einfahrende Bahn wirbelt herumliegendes Papier auf. Als sie einsteigt, gibt es kein zurück.
Die große Stadt wartet auf Opfer. Sie hat Berta schon gesehen. "Du entkommst mir nicht mehr," sagt sie und bläst die Lichter an, die bis zum Morgengrauen alles beleuchten werden, was nicht beleuchtet werden will.
Berta hört ihre eigenen Schritte auf dem Asphalt. Ein Gewitter setzt ein und es beginnt zu regnen. Lichter spiegeln sich in Pfützen, weisen den Weg. Da lang. Sie steht vor einem Haus, an dem der Putz abblättert. Graffiti in vielen Farben. Beim Hineingehen bleibt ihre Jacke an einer Schraube in der Tür hängen. Sie reißt sich los. "Hätten Sie ein Zimmer frei?" Sie stellt ihren Rucksack ab. Erst jetzt merkt sie, wie schwer er war. Die Frau ihr gegenüber oder ist es ein Mann, fragt, wie lange sie bleiben will.
"Ein paar Tage, vielleicht länger," sagt Berta und fühlt sich etwas unwohl. Zuhause in ihrem Dorf sitzen jetzt alle beim Abendbrot. Die Turmuhr schlägt und der letzte Bus aus der Kreisstadt fährt durch den Ort. Der Nächste wird erst am frühen Morgen kommen. Die Läden haben die Jalousien heruntergelassen und die Jugendlichen versammeln sich am Rathausteich. Die Mannfrau legt einen Schlüssel hin, an dem ein Plastikbär baumelt. Berta nimmt ihn, hebt den Rucksack an, der nun viel schwerer ist als vorher und steigt die Treppe hoch, die zu ihrem Zimmer führt. Ein kleiner Raum, das Fenster geht zur Straße. Auf einem Holztischchen schlägt eine Polyestertischdecke Falten. Die junge Frau legt sich aufs Bett und beobachtet die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos, die Figuren an die Decke malen. Berta weint.
"Schlaf Berta," raunt die große Stadt "du wirst dich schon daran gewöhnen. Ich singe dir ein Wiegenlied. Schlaf, Berta, schlaf."
Berta hört eine Melodie, die aus einem Lokal neben dem Hotel herüberweht. Sie kennt das Lied, versucht den Text zu flüstern. Bevor sie sich erinnert, schläft sie ein.
Als der Morgen durchs Fenster kriecht, rumpeln Müllkästen in der Größe von Kleiderschränken über den Asphalt. Müllmänner schreien sich dabei undeutliche Wortfetzen zu. Berta schaut hinaus. Der Verkehr stockt, da die Kleiderschränke die Straße versperren. Zwei Männer streiten sich, ein Hund hebt sein Bein am Müllauto, Radfahrer beanspruchen den Bürgersteig. Berta hat Lust, sich ins Getümmel zu stürzen, die Stadt zu erkunden, sich treiben zu lassen. Als sie nach einer halben Stunde auf die Straße tritt, hat sich das Verkehrsknäuel aufgelöst. Die Häuser sind viel höher als zuhause. Fußgänger rempeln sie an im Vorbeigehen. Auf der anderen Straßenseite stehen Stühle und Tische vor dem Laden. Sie durchquert den fließenden Verkehr und läßt sich auf einem Draußenstuhl fallen. Sie bestellt einen Kaffee bei der Kellnerin und sieht sich um. Ab und zu kann sie zwischen den vorbeifahrenden Autos ihr Hotel erkennen. Es wirkt freundlich, jetzt am Tag.
"Ist hier frei?" Sie blickt zu einer Frau in Schwarz hoch, die neben ihrem Tisch steht. Ihre roten Haare leuchten in der Sonne. "Ja, klar." Berta nimmt ihre Tasche vom anderen Draußenstuhl. Sie lächeln sich an, sind aber ansonsten stumm. Die Rote holt eine Zeitung aus ihrer Jacke, beginnt zu lesen.
"Neu hier?" fragt diese dann, ohne aufzublicken.
"Äh, merkt man das?" Bertas Gesicht verfärbt sich etwas.
"Ja," die Rote blättert in ihrer Zeitung, legt die dann zur Seite. "Studium?"
Berta schüttelt den Kopf: "Ich hatte von der Enge in der Provinz die Nase voll, versuche es jetzt hier."
"Was kannst du?" die Rote sucht in ihren Taschen nach Zigaretten, findet welche, zündet sich eine an.
"Ich war bei uns im Drogeriemarkt, hab` eine Lehre angefangen, nicht zu Ende gemacht."
"Irgendwas wirst du sicher finden," sagt die Unbekannte. Die Kellnerin kommt, bringt Berta den Kaffee. Die Rote nimmt einen Tee: "Lädst du mich ein?" fragt sie Berta. Die nickt.
"Ich schlage mich hier seit acht Jahren durch," sagt ihr Gegenüber "anfangs wollte ich nur einen oder zwei Monate bleiben, aber dann...irgendwas hielt mich hier. Ich konnte nicht weg."
"Jaja," sagt die Stadt lächelnd und beobachtet die beiden.
"Was machst du so?" fragt Berta.
"Alles. Modeln, verkaufen, eine Weile habe ich bei einem reichen, alten Knacker gewohnt. Der ist verstorben. Dann erbten seine Kinder. Ich ging leer aus, mußte wieder auf die Straße."
"Und jetzt?" Berta hüstelt. Der Rauch weht ihr ins Gesicht.
"Jetzt? Jetzt suche ich neue Leute in der Stadt, die mir mal einen Tee ausgeben." Die Rote drückt ihre Zigarette aus, "ich heiße übrigens Vanity. Das heißt Eitelkeit. Gut, ne? So hat mich mein Sugar-Daddy genannt. Der, der dann so schnell verschwunden ist von diesem Planeten. - Eigentlich heiße ich Doris. Stell' dir das mal vor. Kein Mensch heißt heute noch Doris. Meine Oma war ein Fan von dieser Amitussi, die immer mit dem schwulen Typen in den Filmen spielte. Kennste?"
Berta schüttelt den Kopf. Die Kellnerin bringt den Tee. Die Rote trinkt hastig.
"Du wirst sicher irgendwas finden," sagt Vanity und erhebt sich, ich muß weiter, ciao Bella."
Sie rennt über die Straße, mehrere Autos halten mit quietschenden Reifen. Vanity steht auf der Fahrbahn und winkt. Berta sieht ganz klein aus an ihrem Tisch auf dem Draußenstuhl.

"Man, kannste nich? einmal pünklich sein," Elsa schleppt die Kisten mit den Klamotten auf den Bürgersteig. "Los schieb? den Ständer mit den Jacken nach draußen, los, ist schon spät."
"Keine Hektik. Das Leben ist früh genug zu Ende." Vanity zieht ihre schwarzen Schnürstiefel aus und setzt sich hinter die Ladentheke.
"Auch du lebst von diesem Schuppen. Mach endlich," Elsa verschwindet im hinteren Teil des Ladens und kommt mit gefüllten, blauen Säcken nach vorne: "Guck? die Klamotten mal durch und häng? sie auf. Gute Teile 8, die nicht so dollen 5 oder 3."
"Ja doch. Hast du eigentlich schon mal über dein Leben nachgedacht?" fragt Vanity und holt sich die letzte Zigarette aus ihrer Jacke: "ich meine, so richtig."
"Du sollst im Laden nicht rauchen, Mensch." Elsa ist schon wieder draußen, ordnet auf dem Bürgersteig Kleidungsstücke an einem Ständer.
"Leben ist ein ständiges Geben und Nehmen," überlegt Vanity laut.
"Ja, besonders Nehmen," murmelt Elsa und räumt leere Kartons und Plastiksäcke weg.
"Als ich noch bei Sugardaddy wohnte..."
"Ach man, jetzt kommt die Leier," Elsa bleibt stehen, "also entweder du machst jetzt was oder.."
"Oder?" Vanity erhebt sich mühsam, wirft die Kippe durch die Ladentür auf die Straße.
Sie nimmt sich einen Plastiksack vor und wühlt darin herum: "Wow, guck dir das Teil an." Sie zieht sich ein rosafarbenes Baby-Doll über, "In dem Ding könnte ich mich wieder Doris nennen."

Es ist schon spät, als Elsa in die U-Bahn steigt. Die zehn Stationen dauern heute besonders lange. Es ist voll, alle Stehplätze besetzt. Ein Jugendlicher beißt in einen Kebap. Der Geruch von Hammelfleisch dringt durch die Wartenden. Elsa versucht, sich irgendwo festzuhalten. Es gelingt nicht, alle Griffe sind besetzt. Die Bahn hält, viele steigen aus, noch mehr wieder ein. Der Mann neben ihr riecht nach Giraffenhaus. Elsa wird übel. Endlich aussteigen. Im Bahnhof dichtes Gedrängel. Alles strebt aus dem U-Bahnschacht. Luft. Luft.
"Stellt euch nicht so an," raunt die Stadt "Ihr habt es so gewollt."
Auf der Straße vor Elsas Haus stapelt Fatih Erbasan leere Obstkisten zusammen. Als er sie sieht, nimmt er eine Hand voll Feigen und hält sie ihr hin: "Hallo Elsa."
"Hallo Fatih, Danke," sie nimmt die Früchte, beißt in eine hinein "wie lief das Geschäft heute?"
Fatih verzieht das Gesicht: "Und bei dir?"
"Naja. geht so," sie greift sich mit der linken Hand in die blonden Haare.
"Schönes Haar," sagt Fatih und lächelt. "Hast du Zeit für einen Tee?"
"Cay?" lächelt Elsa zurück.
"Ja, Cay," der junge Türke zeigt mit der Hand auf seine Ladentür.
"Nee, Fatih, ich muß los. Adrian wartet."
"Laß ihn warten," sagt Fatih, "er läßt dich auch immer warten."
"Wie kommst du darauf?" Elsa verschluckt sich etwas an der Feige.
"Weil ich es sehe, jeden Tag." Er gibt den Obstkisten einen leichten Stoß mit dem Fuß.
"Das kommt dir nur so vor," Elsa lächelt ihn wieder an und geht hinein, über den Hof ins Hinterhaus. Drei Kinder kommen ihr entgegen, reißen sie fast um, die restlichen Feigen fallen auf den Boden. "Hee, aufpassen, ihr.." Elsa steigt die Treppen hoch.
Als sie die Tür aufschließen will, merkt sie, dass die nicht verschlossen ist, nur zugezogen.
"Bist du schon da?" ruft sie in den Flur. Niemand antwortet. Im hinteren Zimmer sind Geräusche zu hören. "Nein, das nicht," denkt sie, "das würde er niemals machen."
Sie geht zu der verschlossenen Tür, öffnet sie leise. Adrian und eine unbekannte Frau sind zu vertieft, um sie wahrzunehmen. Beide liegen in eindeutiger Position auf seinem Sofa. Das Sofa, das Elsa für ihn hat aufpolstern lassen zum dreijährigen Jubiläum. Sie glaubt, zu ersticken, hat die Luft angehalten, schließt dennoch die Tür ganz leise wieder. Nicht leise genug. Beide auf dem Sofa schrecken hoch.
"Elsa, warte mal..," ruft Adrian "bleib?stehen." Er bindet sich eine herumliegende Decke um und rennt hinter ihr her. An der Wohnungstür kann er sie aufhalten. "Du hast es doch gewußt, oder?" Er hält sie mit der rechten Hand fest, die Linke versucht, die rutschende Decke zu greifen.
"Nein," schluchzt sie "hab? ich nicht. Laß mich los."
"Komm, laß uns vernünftig sein. Es war doch schon lange nichts mehr zwischen uns."
"LASS MICH LOS!" schreit sie und rennt aus der Wohnung, aus dem Haus.
Als sie über die Straße will, kann ein Auto im letzten Moment halten. "Sind sie bescheuert?" schreit der Fahrer aus seinem heruntergedrehten Fenster "Meise, wa?" Er prescht davon. Elsa sinkt zusammen und heult. Eine Hand legt sich auf ihre Schulter. Es ist Fatihs Hand. Sie läßt sich von ihm aufhelfen. "Komm mit," sagt er. Beide gehen in den Laden. Fatih schließt ab. "Ich habe deinen Freund gesehen mit der anderen, schon oft, heute auch. Du bist zu schade für ihn." Elsa heult. Der junge Mann macht einen Tee. Als er drei Stunden später die Lichter löscht, bleibt Elsa bei ihm.
Die Stadt ist zufrieden und bläst die Laterne aus, die direkt vor dem Haus wacht und noch nie kaputt war.

"Hätte das nicht anders gehen können?" die Frau in Adrians Arm bläst den Qualm einer selbstgedrehten Zigarette in die Luft.
"Irgendwann mußte sie es doch erfahren." Er steht auf, zieht sich an "Heute war eine gute Gelegenheit."
"Du bist brutal," sagt die Frau und nimmt ihre Sachen, verschwindet damit ins Badezimmer. Sie kennt sich aus hier.
"Willst du nicht bleiben?" ruft er durch die Tür. "Elsa kommt bestimmt nicht mehr. Die heult sich bei ihrer Busenfreudin aus."
"Nein," tönt es dumpf aus dem Bad.
Die Frau kommt wieder heraus, stellt sich vor den Flurspiegel, kämmt sich mit den Fingern durchs kurze Haar und malt die Lippen nach.
"Wozu machst du das noch," raunt Adrian und hält sie von hinten fest, "du sollst keine anderen Typen anmachen."
"Ich mache an, wen ich will," sagt die Frau, drückt seine Hände weg und zieht sich die Jacke an.
"Ich bringe dich." Adrian greift zu seiner Jacke an der Garderobe.
"Nein," sagt die Frau und geht zur Tür, "du bleibst hier."
Sie rennt auf die Straße, blickt zum türkischen Obstladen. Es ist alles dunkel. Die Straßenlaterne scheint kaputt. Sie geht ein paar Schritte, winkt einem Taxi zu. Im Halten öffnet der Fahrer das Fenster: "Wo soll?s hinjehen?" Sie steigt ein, nennt eine Adresse. Der Fahrer braust davon.
"Schlechtet Wetter, wa?" er dreht sich zu ihr um.
Die Frau nickt.
"Nu ha? ick ma?endlich entschlossen, ooch ma? ßu urlauben ab morjen und nu? isset nur noch naß, wa?"
Die Frau holt ein Handy aus ihrer Tasche und beginnt zu telefonieren: "Ich komme jetzt nach Hause. Ja, jetzt schon. Ich gehe nicht mehr zu ihm. Nein, bestimmt nicht. Was? Ja, jetzt gleich."
"Ham se schon jehört, det et jetze janz neue Henndies jibt? Solche, wo man ...."
"Können sie mich da vorne aussteigen lassen?" Sie tippt ihm auf die Schulter.
"Jeht klar." Er hält, macht das Licht im Fahrgastraum an: "Ölf-fuffzich."
Sie gibt ihm 15 Euro, stimmt so, steigt aus.
Er sieht ihr nach, wie sie im Dunkel verschwindet. Jemand klopft an die Scheibe des Taxis. "Is? doch offen, wat is?n?" Der Fahrer öffnet die Tür. "Ich kenne mich nicht aus hier," ein Mann im grauen Mantel läßt sich in den Sitz fallen "könnten sie mich zum einem Hotel am Bayrischen Platz bringen?"
"Klaro, mach? ick. Wo kommen se denn her?" geschickt hat er das Taxi auf der vielbefahrenen Straße gewendet.
"Aus Frankfurt zum Anwaltskongress in Berlin." Der Mann kramt in seiner Aktentasche.
"Ick kann ihnen sagen, wat ick manchmal for Leute hier habe. Kennse den ausm Fernsehn, den Quizmaster, na, wie heeßt er, ick komm?glei?druff.."
"Nein, kenne ich nicht. Ich sehe nie fern. Keine Zeit." Der Mann holt eine Tablettendose aus der Jackentasche, öffnet sie und entnimmt eine Pille, schluckt sie trocken herunter.
"Stress, wa?" sagt der Taxifahrer, der das Geschehen im Rückspiegel beobachtet.
"Äh, ja... sind wir bald da?" der graue Mann blickt aus dem Autofenster.
"Nu? ma? langsam mit die jungen Pferde. Ick zum Beispiel lebe seit meene Jeburt hier inne Jroßstadt und bin imma noch die Ruhe selbst. Wenn man nicht ßuviel simeliert, denn looft et schon."
"Wie bitte?" Der Graue hüstelt.
"Vakühlt, wa? Det kommt von det Wetta." Er dreht sich zu seinem Fahrgast herum. "Mönsch, sie sehn? aber anjejriffen aus. Soll ick sie een schönet Lokal nennen, wo se sich n? bißcken ammesieren können?"
"Nein Danke. Fürs erste reicht es mir, wenn sie mich zu meinem Hotel bringen."
"Jut, war ja bloß so ?ne Idee. Wissen se, meene Olle, will nu unbedingt sone Klitsche in Potsdorf koofen. Ham se vielleicht Ahnung von sowat?"
"Was möchte ihre Frau?"
"Se will sich vaselbständjen mit son Laden in Potsdorf der for ville andere schon zu?n Erbbejräbgnis jeworden is`."
"Äh, könnten sie mir das eventuell übersetzen?"
"Jut, weil sie et sind. Se will in Potsdam een Laden koofen von unsere Kreeten, obwohl det Ding janich looft. Det war ooch schon for andere een Erbbejräbnis, also een Rinfall."
"Hören sie guter Mann, ich rate ihnen, sich Rechtsberatung einzuholen. Es gibt offizielle Stellen, die so etwas kostenfrei durchführen."
"Na, denn wer ick det mal befoljen. Hier isset." Er hält an, der Graue zahlt, steigt aus.
"Son Öljötze. Ick wer dir wat husten." Er dreht den Zündschlüssel und startet, fährt um die Ecke und hält an.
"Morjen Maxe," eine brünette Frau kommt aus einem Mietshaus auf ihn zu, küßt ihn "ick jeh? dann ma? wa!"
"Laß? dir nich? klaun?, Elisabeth." ruft er ihr nach, steigt aus und geht ins Haus.
Zufrieden rekelt sich die Stadt. Fast hätte sie verschlafen. Sie pustet die Laternen aus und weckt ihre Leibeigenen.
Elisabeth rennt zum Bus. Der erste am Morgen. Jeden Tag sitzt um diese Zeit der Penner auf den Stufen der Wäscherei, neben sich einen Pappteller. Vom Nieselregen ist der heute schon ganz aufgeweicht. Ab und zu wirft Elisabeth eine Münze darauf. Heute nicht, da sie es sehr eilig hat. Der Bus hat bereits den Motor angelassen. "Juten Morjen," ruft sie dem Busfahrer beim Einsteigen zu. Der schließt die Tür und fährt los. Der Penner sieht ihr nach, überlegt, ob es im Bus wohl schon geheizt ist. Eine Gruppe Lachender erweckt seine Aufmerksamkeit. Sie kommen langsam die Straße hoch, haben eine Flasche, die von einem zum anderen wandert.
"Und dann habe ich dem Kellner in den Arsch getreten...," lachte einer von ihnen. Er trägt einen feinen schwarzen Anzug, sein Hemd ist bis auf die Brust aufgeknöpft, eine Samtfliege baumelt rechts am Hals. Die anderen lachen, können kaum weitergehen. Als sie auf der Höhe des Penners ankommen, beginnt das offene Hemd in seiner Hosentasche zu kramen. "Och, guckt mal da..., der Arme," gickert eine Frau in weißem Pelz. Der suchende Mann wird nicht fündig, torkelt etwas, als er dem Sitzenden seine Champagnerflasche hinhält: "Da, sollst nicht leben wie ein Hund." Er schüttet die Flüssigkeit auf dem Boden. Alle lachen, ziehen weiter. Ihre Stimmen sind noch lange zu hören.
"Sie brauchen dich," flüstert die Stadt, "du bist wichtig für sie, damit sie sich gut fühlen können."
Der Mann auf den Stufen sieht ihnen nach. Der Geruch des Alkohols steigt ihm in die Nase. Da er noch nichts gegessen hat, kommts ihm vor, als würde es ihn betrunken machen. "Weiß ich noch, wie ich heiße?" denkt er. Er stellt sich die Frage jeden Tag. Er hat sich geschworen, seinen Namen niemals zu vergessen, denn der ist ihm noch geblieben von allem, was mal war. "Ich heiße Richard, glaube ich. Glaube ich das nur oder weiß ich das?" Er überlegt angestrengt.
Schnellen Schrittes kommt ein junger Mann die Straße herauf. Er bleibt stehen: "Wie geht's dir heute?" fragt er den Mann auf der Treppe und gibt ihm eine Tüte mit Brötchen in die Hand "willste nicht mitkommen? Ich fahre nach Britz in die Papierfabrik, 5 Euro die Stunde. Los, komm."
"Die nehmen mich nicht," sagt der Sitzende.
"Faule Ausreden, Mann. Ich muß los. Biste abends noch hier?"
Der Penner nickt: "Kann sein."
Der junge Mann verschwindet im U-Bahn-Schacht, rennt die Treppen hinunter, schafft grade noch die Bahn, die bereits die Türen schließt. Die Fahrt ist lang. Zunächst muß er stehen, erwischt dann aber nach der dritten Station einen Platz. Neben ihm sitzt ein Mann von ungefähr 120 kg. Immer wieder reibt der sich schnaufend die Schweißperlen von der Stirn. Der junge Mann blickt sich um. Einige Gesichter sieht er jeden Tag, manche sind neu. Ihm gegenüber hält eine Frau eine Zeitung vor ihr Gesicht, so dass er etwa auf Augenhöhe die Schlagzeile "Blutrache in Neukölln" lesen kann. Der Zug hangelt sich durch die Stationen, macht dabei eintönige Geräusche. Der junge Mann wird müde. Ab und zu nickt er weg, schreckt immer nur dann auf, wenn die Bahn ruckartig hält. Die Neuköllner Blutrache macht knisternde Geräusche. Mit geschlossenen Augen vermutet er, dass die Frau gegenüber die Zeitung zusammenfaltet. Er blickt kurz hoch und lächelt, weil sie sich fast umbringt mit den einzelnen Seiten, die der Reihe nach auf den Boden fallen.
"Gleich gibt's eine Blutrache in der U-Bahn," sagt er und als er sie ansieht, lächelt sie zurück.
Er hilft ihr beim Aufheben der Blätter.
"Danke," sagt sie, "ach, entschuldigen sie, kennen sie sich aus in der Stadt?"
"Na klar," er weiß nicht, ob er sich freuen soll, weil sein Arbeitsalltag so interessant unterbrochen wird oder, weil ihm die Frau sehr gut gefällt. Sie kramt einen Zettel hervor, auf dem eine Adresse zu lesen ist.
"Wissen sie, wo das sein könnte?" fragt sie und ihr Gesicht verfärbt sich leicht, als sie ihn ansieht.
"Super, das ist auf meinem Weg. Sie müssen nun leider mit mir mitkommen bis zu meiner Haltestelle. In die Gegend muß ich auch," antwortet er und blickt aufgeregt zur Seite. Wie gut, dass ich diese Bahn noch geschafft habe, denkt er, und wie gut, dass sie nicht weiß, wo ich arbeite.
"Arbeiten sie dort?" fragt sie.
"Nein, ich besuche jemanden," antwortet er "und sie?"
"Ich soll mich da vorstellen in einem Drogeriemarkt. Ich bin noch nicht lange in der Stadt, suche eine Stelle."
"Ich heiße Robert," sagt er.
Sie lächelt "Und ich Berta."
Die Stadt genießt befriedigt, wie Busse und Bahnen durch ihren Körper jagen und angenehmes Kribbeln erzeugen. Die Menschen kitzeln wie Ameisen. Sie streckt sich und ächzt dabei, dehnt sich und atmet tief durch. Technisches Versagen war es nicht sagen die Menschen dann immer, wenn in solchen Momenten eine Jahrmarktsgondel aus ihren Halterungen springt. Das U-Bahn-Abteil mit Robert und Berta macht in diesem Augenblick einen kleinen Hopser, aber beide glauben, dass das am großen Glück liegt, den anderen getroffen zu haben.