Idole

28. Mai 2015

Nein, mit “Idolen” habe ich es nie gehabt. Auch damals, in meinem Jugendzimmer, hingen keine Fußballer-Poster, keine Bravo-Starschnitte. Ich war schon damals so trotzig, dass ich lieber “ich selbst” sein und mich selbst toll finden wollte, als durch das Aufhängen eines Abbildes auszudrücken, dass ich mich selbst als ein “noch nicht” wahrnehme, als jemand, der der Zielperson, die er gerne wäre und die er deshalb anhimmelt, noch hinterher läuft.
Und doch passiert es mir von Zeit zu Zeit, dass ich mir nicht nur ein “noch nicht” eingestehen muss, sondern sogar ein ganz deutliches “noch lange nicht”. Da hat man so viele Texte geschrieben und publiziert, hat als Ghostwriter Bestseller für namhafte Schriftsteller verfasst, bekommt Lob von allen Seiten - und fühlt sich doch ganz klein, wenn man mit der Sprachgewalt und der Genialität des Meisters konfrontiert wird.
Auf der Suche nach einem Zitat, das ich zwar noch recht wortgenau im Ohr hatte, im Werk des Meisters aber nicht mehr verorten konnte, kam mir eine andere Textstelle wieder vor die Augen, die ich - eine Schande! - über die Jahre wieder vergessen hatte:
“Daß es von Natur aus diskrete Einzelwesen gibt, das ist war ein bedauerlicher kreatürlicher Defekt, und diesen abzuschaffen, werden wir vermutlich niemals fähig sein. Aber darüber zu verzweifeln, liegt kein Grund vor. Einzelwesen sind so wenig Lücken in unserem totalen System, wie Sieblöcher Lücken im Siebe sind. Obwohl nicht aus Siebmaterial bestehend, funktionieren diese doch als Teile des Siebs, sogar als dessen wichtigste. Und irgendetwas zu leisten, was ihnen nicht durch Größe, Stoff und Form des Siebes diktiert wäre, sind und bleiben sie außerstande. (Aus dem molussischen ‘Lehrbuch des Konformismus’)”
(AdM2, S. 131)
Kein Zweifel, Günther Anders ist und bleibt der unterschätzteste Philosoph der Neuzeit.
Gerade heute kam die Einladung der internationalen Günther-Anders-Gesellschaft zur Generalversammlung im November in Wien. Ich werde sehen, ob ich nicht vielleicht doch - trotz aller Widrigkeiten - teilnehmen kann.

Postskriptum

26. Juni 2009

Nachtrag zu meinem Eintrag vom 22. Juni 2009 (Ich und meine Texte - meine Texte und ich…): Großartig wäre es doch, wenn irgendwann, in ferner Zukunft, ich selbst oder andere Personen das sagen könnten, was Günther Anders über Alfred Döblin (speziell über dessen Buch “Berlin Alexanderplatz“) sagte, nämlich, dass es jenem gelungen sei, “durch ”fiction” das einmal wirklich Gewesene gerettet zu haben” (Mensch ohne Welt, S.3).
Durch den Kontext des Satzes im Buch kann man erahnen, dass er eine etwas andere Intention hat als das, was ich zur Frage des Einflusses der eigenen Biographie auf Texte geäußert habe - aber er passt vom Wortlaut her einfach perfekt auf das, was ich sagen wollte. Ob es mir bisher jemals gelungen ist, etwas gewesenes gerettet zu haben - eher nicht. Hätte ich sonst das ständige, penetrante, immer wachsende Gefühl, dass mir Gewesenes verloren geht?

Die Hölle auf Erden?

23. Juni 2009

“In Bremen ist die Hölle los” - mit diesem Ausspruch begrüßte mich ein Bekannter, den ich zufällig am Bahnhof Vegesack traf, wo er gerade den Regionalzug verließ, in den ich - Richtung Kirchentag - einsteigen wollte.

“In Bremen ist die Hölle los” - diesen Ausspruch muss man nicht teilen, wenn es um den gerade ausgeklungenen 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag geht. Aber was teilweise durchaus “höllisch” war, war die Vorarbeit: das Organisieren, das Planen, das Aufbauen. Und aus diesem Grund bin ich gebeten worden, unseren Pastor ein wenig dadurch zu entlasten, dass ich, der Ältestenprediger der Gemeinde, dieses Mal das Grußwort für den Gemeindebrief schreibe.

“In Bremen ist die Hölle los” - nein, das muss man wirklich nicht unterschreiben. In der Hölle - deren Existenz eh eine etwas fragwürdige Vorstellung ist - wird es kaum so friedlich zugehen, wie es vom 20. bis zum 24. Mai in unserer Stadt der Fall war. Man muss dabei gar nicht auf die “kostenlosen Umarmungen” verweisen, die einem von Zeit zu Zeit in der Innenstadt angeboten wurden, und über die ja auch die Presse berichtete. Nein, die gesamte Stimmung in der Stadt war friedlich, freundlich, gar herzlich. An allen möglichen Ecken wurde gesungen, gelacht, man saß in Gruppen auf Rasenflächen, lernte fremde Menschen und deren Weg zum Glauben kennen. Auch das Wetter spielte größtenteils mit und hüllte die fröhliche, freundliche Stimmung in Sonnenschein, welcher sich in zufriedenen, dankbaren Gesichtern spiegelte.

“In Bremen ist die Hölle los” - vielleicht war dies alles, vielleicht war diese kirchliche Großveranstaltung aber auch ein wenig zu friedlich. Wenn es in den Podiumsdiskussionen einmal kritisch und richtig inhaltlich wurde, stellte der Moderator schnell eine neue Frage, welche die ursprüngliche Diskussion umlenkte, oder letztere wurde durch Musik gänzlich abgebrochen. Neben den Friedensappellen gab es - sozusagen “gleichwertig” - einen Infostand der Bundeswehr, wie unser katholischer Bruder Eugen Drewermann zurecht anprangerte. Der Liedermacher Wolf Biermann nahm (aus nachvollziehbaren Gründen) gar nicht erst am Kirchentag teil. Fazit: neben aller Freundlichkeit und aller Gemeinschaft gab es auch “höllenhafte” Elemente (Stichwort: Bundeswehr) sowie Momente, in denen die Veranstaltung zu glatt, zu angepasst, zu friedlich war. Eine Kirche, die sich in der Nachfolge Jesu wähnt (welcher ja z.B. die Händler noch mit der Peitsche aus dem Tempel getrieben hatte), sollte nicht so sanft und kuschelig sein.

“In Bremen ist die Hölle los” - dieser Satz ist in der Gegenwartsform geschrieben, der Kirchentag ist jedoch bereits Vergangenheit. Trotzdem hat die Gegenwartsform ihre Berechtigung: in jeder Gegenwart nämlich sind wir aufgefordert, die höllenhaften Elemente in unserer Welt wahrzunehmen und zu bekämpfen. Das muss nicht mit der Peitsche sein - ein Kampf mit Worten und dadurch, Vorbild zu sein, ist zunächst vorzuziehen und als christlicherer Weg anzusehen. Aber diesen Kampf werden wir kämpfen müssen - Tag für Tag.
Oder, um es mit den Worten des Philosophen Günther Anders zu sagen: “uns schon heute getreulich nach den Maximen, den Geboten und Verboten zu richten, die unsere Enkel einmal im verzweifelten Kampf gegen ihren, von uns und ihnen verschuldeten Untergang aufstellen werden.” (Ketzereien, S.110)
Leider hat der Kirchentag dazu wenig Anregungen gegeben. Aber die Hölle - nein, die Hölle war es nicht.

Ich und meine Texte - meine Texte und ich…

22. Juni 2009

Spätestens seit den jüngsten Rechtsstreitigkeiten wird vermehrt über die Frage diskutiert, wie viele autobiographische Details ein Schriftsteller in seine Texte einfließen lassen darf. Es ist das Schwanken zwischen Art. 5 Abs. 3 GG, wo die Kunstfreiheit des Autors garantiert ist, und Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG (dort wird das allgemeine Persönlichkeitsrecht formuliert). Während die eine Partei also argumentiert, im Rahmen der Kunst sei “alles” erlaubt, verweist die andere Seite darauf, dass auch durch Kunst die grundlegenden Persönlichkeitsrechts nicht (zu sehr) angetastet werden dürfen.

Beide Sichtweisen lassen sich aus der jeweiligen Perspektive problemlos nachvollziehen. Ich möchte an dieser Stelle deshalb lieber grundsätzliche Überlegungen zur Frage anstellen, wie es mit Einflüssen aus der eigenen Biographie auf die Texte, die man so schreibt, aussieht.
Ist es überhaupt möglich, aus dem eigenen Schreiben das, was einem bisher im Leben widerfahren ist, auszublenden? Meines Erachtens ist dies prinzipiell unmöglich. Selbst, wenn ich einen Roman über einen KZ-Wächter schreiben würde, mit dem ich nun denkbar wenig gemein hätte, so würde trotzdem einiges aus meinem Leben in die Geschichte einfließen – und sei es nur die Erinnerung an gehänselte Mitschüler, die dann als Blaupause für die leidenden Insassen dienen würden.
Selbst, wenn man sich noch so bemüht – man bekommt das eigene Leben und das, was man mit anderen Menschen erlebt hat, nicht aus den zu den Texten führenden Gedanken heraus.

Soweit zunächst eine erste Feststellung. Trotzdem: es kann unmöglich Sinn und Zweck einer schriftstellerischen Tätigkeit sein, ganz explizit Personen komplett in den Geschichten und Büchern abzubilden, sie vollständig so zu zeigen, wie man sie wahrgenommen hat. Dabei finde ich solches Tun nicht nur dann verwerflich, wenn offensichtlich negative Aspekte einer Person geäußert werden. Auch neutrale oder gar zunächst positiv erscheinende Inhalte, die direkt zuzuordnen sind, gehen meiner Ansicht nach die Außenwelt nichts an. Oder möchte wirklich jemand in einem Roman über sich das “Lob” lesen, er wäre der totale Sexgott, noch nie habe die Autorin so eine unglaubliche und intensive Nacht erlebt, noch nie sei sie so heftig gekommen, …?
Ich wäre gespannt, mit welchen Gedanken der Mensch, über den solches geschrieben wurde, dann eine neue Beziehung beginnt…

Nein, ich denke, dass man zu diesem Thema zunächst festhalten sollte: alles, was man erlebt, prägt einen nicht nur als Subjekt, sondern (ver)ändert auch das, was man schreibt – und fließt in es ein. Aber mit Absicht Charaktere wirklich 1:1 aus realen Personen zusammenzusetzen – das ist nicht das, was man tun sollte.

Ich wüsste gerne, welche Menschen sich in meinen Texten wiederfinden. Und zwar meine ich damit nicht fremde Personen, die bei der Lektüre denken: “Hey, vergleichbare Dinge habe ich auch erlebt” - nein, ich meine wirklich Menschen, die Teil meines Lebens sind oder auch nur waren, und die nun den Eindruck haben, ich hätte sie in einem meiner Texte “verarbeitet”.
Mindestens glauben vielfach Außenstehende, dass mit “meinen” Charakteren reale Personen verbunden, eher: gemeint sein müssten. Ganz deutlich in Erinnerung geblieben sind mir da die Nachfragen bezogen auf eine Geschichte in meiner ersten Anthologie (zum Studentenleben), zu der man wissen wollte: “Und was macht Maria heute so?” Dabei gab es in jenem Fall - und das ist wirklich etwas bemerkenswertes - das Erlebnis, das der Protagonist der Geschichte mit Maria hat, in meinem Leben erst ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des Buches. Seltsame Sache…

Unterhaltung

21. März 2009

Erlebnis vor gut 26 Stunden in einer Regionalbahn: auf der anderen Seite des Ganges sitzt ein Pärchen, beide wohl etwa 20 Jahre alt. Er: gekleidet in weiten Hosen, weitem Pulli, offener Jacke, ein lächerlich wirkendes Baseballcap auf dem Kopf, stumpf blickende Augen. Sie: schlicht, aber vornehm gekleidet, asiatisches Gesicht, aufmerksame Augen.
Bereits nach kurzer Zeit beginnt er, mit seinem MP3-Player zu hantieren - offensichtlich ist das Kopfhörerkabel verknotet.
Sie bemerkt, dass er beabsichtigt, Musik zu hören, schaut ihn lieb und aufmerksam an, spricht dann zu ihm: “Möchtest du dich ein wenig mit mir unterhalten?” Er schaut irritiert auf, bemerkt dann, dass sie keine Kopfhörer trägt, und antwortet: “Ach so, hast du deine Kopfhörer nicht dabei?”

Man könnte nun einwenden, dass es vielleicht in jener Beziehung bisher die Regel war, dass sie Kopfhörer dabei hat. Dass er es so kannte, dass sie nicht reden will. Aber meiner Beobachtung nach kann dies nahezu ausgeschlossen werden.
Vielmehr ist zu vermuten, dass jenem männlichen Wesen die Unterhaltung höchstens noch als - welch Wortspiel - Unterhaltung dient. Er würde sich höchstens unterhalten, wenn es unterhaltend ist, wenn es die Langeweile etwas erträglicher macht.
Dass ein nettes Gespräch mit einem Menschen, den man mag, auch bereits aus sich heraus seine Begründung hat - diesen Gedanken kann er nicht nachvollziehen. In seiner Welt ist das Gespräch nur eine von vielen Möglichkeiten des Unterhaltenwerdens, wie auch die Musik aus seinem Abspielgerät, wie sicherlich auch der Fernseher und der Computer.
Wie erbärmlich ist es doch, wenn das, was die größte menschliche Leistung ist (die Sprache), zu einem Langeweile-Bekämpfungs-Werkzeug degradiert wird…

PS: Wie die Geschichte ausging, ist sicherlich klar: er hörte Musik, sie schaute aus dem Fenster, wo sie aufgrund tiefer Dunkelheit nichts gesehen haben wird.

Apropos…

16. März 2009

Noch eine vergleichbare Geschichte: in einer Diskussion stritt ich mit einigen anderen Personen darum, in welcher Form wir an einem bestimmten Thema weiterarbeiten wollen. Während ich mich für das klassische Buch als Ziel aussprach, hatten die anderen (fast ausschließlich älteren) Teilnehmer nahezu ausnahmslos “modernere” Medien im Kopf: Präsentationen, einen Blog, kurze Artikel-Schnippsel für Mitgliedszeitungen, etc.
Man sagte mir, so ein ganzes Buch würde keiner mehr lesen, die Leute seien eher an kürzeren Dingen interessiert. Außerdem wäre die Arbeit an einem Buch zu zeitintensiv, dafür würde man keine Mitarbeiter finden, da die meisten potentiellen Kandidaten eher an Projektarbeit, als an einer “Daueraufgabe” interessiert seien.
Ich, der ich so ein Anpassen an den Zeitgeist abscheulich finde, habe zunächst nichts dazu gesagt.
Später dann - die Diskussion war längst bei anderen Themen angelangt - ging es um die Tatsache, dass immer weniger Menschen heiraten (wollen). “Total schlimm” fand man dies. “Nicht nachvollziehbar”.
Da konnte ich meinen Mund dann nicht mehr halten, und habe gefragt, ob es nicht sein könne, dass diese Menschen “eher an kürzeren Dingen, eher an Projektarbeit” interessiert sind.
Die Reaktion: verständnislose Blicke.
Ganz offensichtlich wird auch hier mit zweierlei Maß gemessen (ebenso wie beim vorherigen Eintrag mit der Anwendbarkeit der Bibel): auch die Anpassung an den Zeitgeist ist offensichtlich themen- oder bereichsabhängig. Man sieht nicht, dass der Zeitgeist an sich etwas ablehnenswertes sein könnte, sondern sucht sich aus ihm zusammen, was gefällt.
Ebenfalls peinlich.

Handfester Fremdscham

15. März 2009

Im Gemeindebrief einer Kirchengemeinde im Nachbarstadtteil lese ich im Grußwort des ortsansässigen Pastors, welches sich auf den ersten Seiten befindet, individual-ethische Ausführungen zu Fragen des persönlichen Glücks, welches angeblich nicht vom materiellen Wohlstand abhängt. (Dass materielle Armut jedes sonstige Glück vernebeln kann, lässt der Autor unerwähnt.)
Eine “Begründung” liefert der Autor hingegen mit - sie besteht aus Bergpredigt-Zitaten. Offensichtlich gilt die Bibel hier als Referenzquelle für die heutige Zeit.

Ich blättere weiter und finde einige Seiten danach einen Aufruf, an einem “Selbstverteidigungsworkshop” in der Gemeinde teilzunehmen. Selbstverteidigungsworkshop?
Den bekannte Text zur Sturmstillung, der in allen drei synoptischen Evangelien vorkommt (Matthäus 8, 23-27 ; Markus 4, 37-41 ; Lukas 8, 22-25), kennt man dort offensichtlich nicht. In ihm wird geschildert, dass die Jünger mit Jesus auf See in einen starken Sturm geraten. Die Jünger bekommen Angst und bitten Jesus, zu helfen.
Jesus jedoch sagt nicht: “Besucht doch einfach meinen Segelworkshop!” Er sagt: “Vertraut mir.” Oder auch: “Habt ihr noch keinen Glauben?”

Ganz abgesehen davon, dass “Workshop” einer der ekligsten Anglizismen ist (ich übersetze gedanklich immer wörtlich mit “Arbeitsladen”) und dass ich, als Vertreter der Denkweise von Günther Anders, von diesem ganzen Religions-Zauber nichts halte, bleibt folgende Beobachtung:
Die heutigen Theologen nehmen die Bibel nicht mehr ernst. Sie dient als Bezugsquelle für die seichten gesellschaftspolitischen Äußerungen, die sie eh tätigen wollen, aber sobald es handfest wird, vertraut man lieber auf weltliche Kompetenzen. Peinlich.

Parisreise

30. September 2008

Eine gute Freundin von mir hat mal für einige Zeit in Paris studiert. Wir haben damals oft telefoniert; ich hatte zum Teil Telefonrechnungen von 160 Euronen (wäre heute nicht mehr so, jetzt habe ich ne Europa-Flat…). Ich habe dann immer die Augen geschlossen und versucht, am Leben in dieser großen Stadt teilzuhaben.
Und nun war ich am vergangenen WE wirklich dort! Ich habe die ganze Zeit an sie gedacht, obwohl wir kaum noch Kontakt haben. Es war alles so, wie ich es mir immer ausgemalt hatte… Und dann stehe ich vor dem Louvre, höre einer katastrophalen Stadtführerin zu und bekomme eine SMS, dass Werder in München 5:0 führt…
Ich glaube, das war der perfekte Tag.
Eine andere gute Freundin von mir ist gerade auf “Weltreise” durch den asiatischen Raum; momentan hält sie sich in Korea auf. Vielleicht komme ja auch ich irgendwann mal nach Asien. Dann werde ich dort an sie denken. Und es wird bestimmt ähnlich schön. Nur Werder müsste dann wieder mitziehen…

Mensch, wo bist Du?

29. Juli 2008

Mal wieder in den “Ketzereien” gelesen. Auf Seite 84f schreibt Günther Anders, dass nicht (entgegen der landläufigen Sichtweise) die Fähigkeit zum Generalisieren, zum Abstrahieren den Menschen vom Tier unterscheiden, sondern vielmehr das Gegenteil, nämlich: dass man von einer Generalisierung gerade absehen kann. Er formuliert:

“Generalisierung ist umgekehrt gerade die Leistung des Animalischen und vom Menschen nur übernommen. Nicht Plato ist der Erfinder der Idee, sondern der Hunger. Die Stiftung des Allgemeinbegriffs verdanken wir nicht dem Geiste, sondern dem Bedürfnis, er ist tierischen (wenn nicht sogar pflanzlichen) Ursprungs. Die elementaren Bedürfnisse gehen niemals auf ein “dieses” aus, sondern stets auf ein “solches”, auf ein “überhaupt”, also auf etwas Allgemeines; Hunger nicht ausgerechnet auf Kalbsleberwurst, sondern auf “Eßbares überhaupt”. Sexus nicht ausgerechnet auf junge Krakauerinnen, sondern auf “Frauen überhaupt”. Spezifikationen werden nicht nachträglich durch einen “spezifisch” menschlichen Akt im Allgemeinbegriff zusammengefaßt, umgekehrt ist das Allgemeine das primär intentionale Objekt. Die menschliche Kultur und das “spezifische Humanum” beginnt also nicht mit der “Konstruktion des Generellen”, sondern umgekehrt mit der des Spezifischen und Individuellen. Human ist nicht die Liebe, die “Helena in jedem Weibe” oder in jeder Helena nur das Weib sieht - sondern umgekehrt diejenige, die Helena in einem bestimmten Weib oder einigen bestimmten Weibern sieht, also die die “Gemeinheit des Allgemeinbegriffs” abgestreift hat. Nicht generalisieren müssen oder generalisieren können macht den Menschen zum Menschen, sondern seine Fähigkeit, nicht zu generalisieren.” (G.A.: Ketzereien, C.H. Beck, 1982)

Sicherlich stimmt das so, ich kann es zumindest gut nachempfinden. Beobachtet man allerdings seine Mitmenschen, so erlebt man viel, was für eine “Rückentwicklung der humanen Liebe in eine tierische” zu sprechen scheint.
Wenn jemand seine Partnerin “Löchlein” nennt - was eine Reduzierung beinhaltet, die man auch mit viel Humor nicht wegdiskutieren kann -, dann demonstriert diese Person damit doch eine Austauschbarkeit “seiner Helena” sondergleichen.
Wenn andere, mit denen man ab und an spricht, ihre “Kerbenmentalität” geradezu als Wettstreit austragen (im Sinne von: Wessen Bettpfosten ist eher zersäbelt), scheint mir der Gedanke der “Helena in jedem Weibe” viel näher an der (so seltsamen) Realität zu sein, als der (viel schönere) einer Helena in einem bestimmten Weib.
Wenn man selbst dann auf die neugierige (und unpassende) Frage: “Und, wieviel hattest Du?” mit einem ehrlichen: “Leider mehr als eine…” antwortet und daraufhin Fragezeichen in den Gesichtern der Kerbenjäger auftauchen sieht - wie sehr entspricht dann der heutige “Mensch” noch dem Menschen, wie sehr schon dem Tier?

Nachtgedanken

24. Juli 2008

Ob die “ewig Heutigen” wirklich davon überzeugt sind, dass ihre Schublade “ewig gestrig”, in die sie uns so gerne stecken, negativ zu bewerten ist? “Wenn ich wüßte, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen” - diesen Ausspruch schreibt man dem Reformator Martin Luther zu. Und diese Zuschreibung ist mindestens in dem Sinne korrekt, als es zu einem Christenmenschen passt, den drohenden Untergang nicht zu bekämpfen, sondern sich dem persönlichen Vergnügen im eigenen Garten zu widmen. Gesellschaftsblind.
Die “ewig Gestrigen”, also wir, die wir das, was es gestern noch gab, konservieren und bewahren wollen und die wir somit im besten Sinne Konservative sind, kommen auf solche Gedanken nicht. Der den anderen als rückständig erscheinende Kampf gegen den Untergang verhindert es, dass wir Bäume pflanzen. Schade eigentlich, denn man benötigt Bäume. Wobei - die anderen pflanzen sie ja. Sowas nennt man dann wohl “Arbeitsteilung”…
Mit solchen Gedanken sitze ich am Fenster, höre Heather B und warte darauf, dass es ein Teil des Regens durch das Fliegennetz in den Raum schafft, welches sich als einziges noch - als letzte Barriere also - zwischen mir und der Außenwelt befindet. Es ist auch um diese Uhrzeit noch sehr warm, wenn auch nicht so heiß, wie noch am Nachmittag.
Keine Ahnung, wie lange ich hier schon so sitze.
Keine Ahnung, wie lange ich hier noch so sitze.
Es ist einfach der perfekte Ort, um zu träumen und die Gedanken auf eine phantastische Weltreise zu senden.
Mal sehen, wo sie heute landen.

Sternschnuppen

8. Juli 2008

Es ist eine selten auftretende Konstellation, die zu jenen großartigen Momenten führt. Der Himmel über der Stelle, an der man sitzt und den kühlen Sommernachtswind genießt, muss sternenklar sein. Klar: schließlich möchte man die Sterne sehen - und die Sternschnuppen, die an guten Tagen auch in wenigen Stunden in zweistelliger Anzahl zu sehen sind.
Zudem, und diese Zusatzbedingung begründet die Seltenheit, muss der Himmel über den Stahlwerken, die sich in wenigen Kilometern Entfernung befinden, bewölkt genug sein, um das Leuchten des Abstichs zu reflektieren, der in regelmäßigen Abständen stattfindet.
Da der Fluss, an dem man sich befindet, in jenem Bereich einen Knick hat, liegt er “zwischen” dem Sitzplatz und dem Feuerschauspiel, obwohl sich die Stahlwerke auf der gleichen Uferseite befinden.
Oft haben wir dort nachts gesessen, die Sternschnuppen gezählt, uns Dinge gewünscht, die sicherlich unerfüllbar waren.
Zumindest wahr geworden sind sie nie.

Billigflieger

6. Juli 2008

Wahnsinn, was einem da für neue Möglichkeiten eröffnet werden, an die man noch vor wenigen Jahren nicht einmal im Traum gedacht hätte.
Gerade habe ich mich im Netz der Netze erkundigt, was mich denn die geplante Herumreiserei durch Halbeuropa kosten könnte. Die Antwort fiel so niedrig aus, dass ich zunächst versucht habe, einen Fehler in meiner Eingabe auszumachen. Könnte ja sein, dass Orte hier in der Nähe auch so heißen, wie die Metropolen, die ich anfliegen möchte…
Kurzum: plötzlich hat man die Chance, auch ””mal Menschen zu sehen, bei denen man, aufgrund der Entfernung, ein Wiedersehen schon “abgeschrieben” hatte.
Fast könnte man sich freuen, wäre da nicht das Wissen um die Umweltverschmutzung, die durch Flugzeuge hervorgerufen wird… Wie schnell sich doch durch den “Spar”-Gedanken oftmals das Gewissen ausschalten lässt…

Blog-Start

4. Juli 2008

Nun also auch ich. Wird es jemand lesen wollen? Vielleicht die falsche Frage. Im restlichen Leben kümmert es mich ja auch nicht recht, ob das, was ich tue, für andere Personen interessant ist.
Also: bloggen.
Heute hatte ich ein planendes Gespräch mit dem Pastor einer ortsansässigen Kirchengemeinde. Aus dem von mir herausgegebenen Buch “… denn er hatte viele Güter” (siehe unter Veröffentlichungen) sollen Texte für eine Seminarreihe in der Gemeinde verwendet werden. Ziel und Hoffnung ist, dass sich ein “Wirtschaftsethischer Gesprächskreis” entwickelt.
Gerne.
Genau dafür wurde das Buch erstellt. Wir werden es so machen.